Jannik Lipke

Technik, Autos, Software und co

Medien (in)kompetenz (Teil 2)

Im ersten Teil der Reihe über Medienkompetenz habe ich anhand des fiktiven Beispiels der Person X beschrieben, wie eben diese Person X die These staatlich kontrollierter Medien entdeckt und aufgreift. Nun möchte ich zeigen, wie ein medienkompetenter Mensch sich verhalten hätte. Diesmal anhand von Person Z.

Ein Beispiel der Medienkompetenz

Auch Person Z sieht den Facebook-Beitrag von Person Y. Gehen wir davon aus, dass Z nicht, wie die meisten Leute, einfach den Kopf schüttelt und weiterscrollt, sondern ebenfalls auf den Link drückt. Ebenfalls liest Person Z den Text auf der Website. Anders als Person X jedoch, liest Z sich nicht den weiteren Artikel durch. Person Z sucht im Internet nach den genannten Beispielen dafür, dass Medien staatlich kontrolliert seien. Person Z entdeckt, dass es in den meisten Fällen logische Erklärungen gibt. Widersprüche entstehen, weil neue Erkenntnisse entstehen, vermeintliche Zensur von Themen lässt sich mit der thematischen Selektion durch die Interessen der breiten Masse erklären. Für letzteres ist die Lektüre der Studie „Öffentliche Kommunikation im digitalen Zeitalter“ von Alexander Godulla zu empfehlen 1.

Was Z also anders als X macht, ist, dass Z sich über die Argumente Informiert. Wenn man im Internet etwas finden will, dann findet man es auch. Möchte man also Beweise dafür, dass Medien staatlich kontrolliert sind, wird es eine Menge Inhalte geben, die genau das „beweisen“. Das Problem mit diesen Inhalten ist die mangelnde Neutralität und Objektivität. Sie wollen die Menschen überzeugen und arbeiten auch genau so. Eben weil es keine Kontrollinstanz gibt. Was auch gut so ist, würde es eine solche Instanz geben, wäre das Internet ein anderer Ort. Doch auch deswegen muss man kritisch und vorsichtig mit Informationen im Netz umgehen.

Unter der Annahme, dass alle genannten Punkte zu einem Thema, in diesem Beispiel die staatliche Kontrolle der Medien, wahr und nicht gelogen sind, gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Einerseits die Korrekte, sich alle Fakten und Informationen neutral anzusehen, diese gemeinsam im Kontext zu bewerten und danach erst aus den gewonnenen Erkenntnissen eine Meinung, These oder Information zu gewinnen. Andererseits die Falsche, sich eine Meinung, These oder Information zu bilden, und erst danach die vorliegenden Punkte nach Belegen zu durchsuchen. Wenn man eine These wirklich belegen will, dann wird man das auch schaffen. Dabei gehen allerdings Neutralität und Objektivität verloren, man sucht nur nach sachdienlichen Informationen und Verbindungen, lässt alles andere außen vor.

Unsere Person Z hat genau das erkannt und sich deshalb über die einzelnen Argumente im Kontext informiert, um sich danach eine eigene Meinung bilden zu können. Person Z hat Medienkompetent gehandelt. Doch ist das schon alles, was Medienkompetenz ausmacht ? Nein, das ist es nicht. Medienkompetenz bedeutet viel mehr.

Was bedeutet Medienkompetenz

Medienkompetenz beinhaltet vor allem vier Hauptelemente 2: Sachkompetenz, Rezeptionskompetenz, Partitipationskompetenz und Selbstreflexionskompetenz.

Sachkompetenz

Eine Voraussetzung für Medienkompetenz ist das Wissen über verfügbare Medien und Medientypen. Dies beinhaltet Online- sowie Offline Medien, wie Print, Radio und TV oder Nachrichtenportale, soziale Netzwerke und Videoportale. Der Medienkompetente Nutzer muss diese in einen Kontext einordnen und bezüglich Seriosität und Manipulationsrisiko beurteilen können.

Rezeptions-kompetenz

Der Nutzer muss erkennen können, ob Inhalte unabhängig sind oder in Abhängigkeit, zum Beispiel zu einem Unternehmen, stehen. Außerdem muss er in der Lage sein, Informationen zu validieren und zu überprüfen, sowie zwischen werbenden und informativen Inhalten zu unterscheiden. Des Weiteren muss er zwischen Berichterstattung und Kommentar unterscheiden und ihre Inhalte hinsichtlich dessen beurteilen können. Zudem ist die Fähigkeit falsche Informationen zu erkennen und als diese zu bewerten essentiell.

Partizipations-kompetenz

Der Nutzer muss in der Lage sein, eigene Inhalte zu erstellen, an den Medien also zu partizipieren. Dies beinhaltet nicht nur die differenzierte Reaktion auf vorhandene Inhalte, sondern auch die Erstellung eigener Inhalte, wie Texte, Videos und weiterer.

Selbstreflexions-kompetenz

Der Nutzer muss eigene Inhalte und Reaktionen differenziert reflektieren und bewerten können. Das Internet „vergisst“ nichts und ebenso muss der Nutzer sich dessen bewusst sein, dass ein unbedachter Kommentar vor einigen Jahren auch in der Zukunft noch Auswirkungen auf ihn haben kann. Aussagen und Reaktionen müssen logisch und ethisch überdacht und evaluiert werden, potenzielle Metadaten beachtet und in den Entscheidungsprozess integriert werden. Wie mächtig vor allem Metadaten sein können, zeigt ein Vortrag von Daniel Kriesel zu Spiegel Online3.

Bedeutung der vier Kompetenzen

Das bedeutet für den „normalen“ Nutzer vor allem, dass er im Internet jederzeit alles überdenken muss. Im Beispiel von Person X, Y und Z möchte ich nun auf das Handeln von Person Y eingehen.

Person Y hat, wie auch immer, die Meinung erlangt, dass große Medien von staatlicher Seite zensiert und kontrolliert würden. Zu einem Zeitpunkt hat Person Y dann den Kommentar auf Facebook verfasst, welchen X und Z gesehen und so unterschiedlich darauf reagiert haben. Zunächst hat Person Y offensichtlich die gleichen Fehler bei der Bewertung fremder Inhalte gemacht, wie Person X. Als Person Y sich dann entschloss, den Kommentar zu schreiben, hat Y sich dann undifferenziert in einem Post über die Zensur der Medien ausgelassen. Eine Reaktion, die inhaltlich sicher fragwürdig, an einem Stammtisch in der Kneipe schlimmstenfalls zur Folge hätte, dass die Anwesenden lachen und Y als VerschwörungstheoretikerIn abstempeln. Auf Facebook jedoch, frei sichtbar im Internet, lesen viele andere diesen Kommentar. Abseits davon, dass Y dank Meinungsfreiheit denken kann, was sie möchte, kann diese Äußerung negativ auf Person Y zurückfallen.

Nehmen wir an, Y arbeitet bei einem lokalen Dienstleister. Y leistet durchschnittliche Arbeit, hat wenige Krankheitstage und ist auch ansonsten eine insgesamt austauschbare Persönlichkeit. Nun wird einem Kunden des Dienstleisters Person Y durch den Algorithmus auf Facebook vorgeschlagen. Der Kunde klickt auf das Profil von Y und sieht den Post. Leicht entsetzt fragt der Kunde sich, wie man auf solche Ideen kommt, liest den verlinkten Artikel und ist erschrocken von dem Gedankengut. Beim nächsten Besuch des Dienstleisters bittet er den Chef, ihm einen anderen Angestellten zuzuweisen und erzählt ihm auf Nachfrage die Geschichte des Facebook-Posts.

Selbst wenn der Chef selbst kein Problem mit der Meinung von Y hat und ihm auch ansonsten egal ist, was Y öffentlich postet, muss er in diesem Falle reagieren. Das Verhalten von Y wirkt sich unmittelbar negativ auf das Image des Unternehmens auf, welches dem Chef natürlich sehr wichtig ist.

Dies ist selbstverständlich nur ein hypothetisches Beispiel, kann jedoch weitestgehend mit jedem von uns aufgebaut werden. Es zeigt, weshalb Kommentare, eigene Inhalte und Reaktionen jederzeit über- und bedacht sein müssen, im Wissen, dass im Internet nichts wirklich privat ist.

Wieso so vielen Menschen Medienkompetenz fehlt und wie das einer modernen Gesellschaft wie in Deutschland überhaupt passieren kann, im nächsten Teil.

1: https://www.springer.com/de/book/9783658141912
2: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/medienkompetenz-122191
3: https://www.youtube.com/watch?v=-YpwsdRKt8Q&t=1s

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2 Kommentare

  1. Dirk 29. September 2020

    Sehr umfangreich beschrieben. Fast schon zu lang um es mal eben wegzulesen. Das Thema ist allerdings auch komplex.

    • jlipke 29. September 2020 — Autor der Seiten

      Vielen Dank für das Feedback 🙂 Ich teile das Thema ja bereits in mehrere Teile auf, aber dann werde ich beim nächsten mal probieren, mich etwas kürzer zu halten.

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